Statt diese Zeilen zu schreiben, könnte ich, wie die meisten Menschen vor Weihnachten, für meine Freunde und Verwandten tonnenweise Geschenke kaufen.

Mache ich aber nicht!

Wieso?

Lest selber (für alle, die es sehr eilig haben: Unter dem Geschenke-Photo unten ist ein Großteil der Botschaft bzw. Moral von der Geschicht' kurz zusammengefasst)...


*ACHTUNG* Der folgende Text enthält ironische Passagen *ACHTUNG*

Eigentlich geht es uns gut! Zumindest besser als geschätzten 80% der Weltbevölkerung. Schließlich können wir es uns leisten, in der Freizeit im Internet zu surfen.

"Ich weiß gar nicht so genau, was ich mir zu Weihnachten wünschen soll, schließlich kauf' ich mir sowieso was ich grade brauche".

So geht es vielen Menschen, auch mir.

Aber schenken möchte ich. Schließlich ist Weihnachten ja das Fest der Liebe, und wie kann man diese besser ausdrücken als mit einem Geschenk.

Je teurer, desto besser. Denn ein teures Präsent zeigt, dass man bereit ist, selbst auf etwas zu verzichten, um jemand anderem eine Freude zu bereiten. Quasi eine moderne Form des Fastens ;)

Und was macht glücklicher als das richtige Geschenk?

Um absolut sicher zu gehen, beim Kauf nicht total daneben zu liegen, wird es besonders bei Eltern und Großeltern immer beliebter, die zu beschenkenden Jugendlichen los zu schicken, um sich selber Geschenke zu kaufen. Schließlich können wir über das Internet ja alles viel billiger bekommen.
Es wäre also grade in diesen schwierigen Zeiten unverantwortlich, mehr Geld als nötig auszugeben, um den zu Beschenkenden zu überraschen. Außerdem könnten die paar Euro mehr ja im schlimmsten Fall die Wirtschaft ankurbeln und einem damit die Möglichkeit zu nehmen, zu meckern. Aber das ist ein anderes Thema…
Man macht sich also im Auftrag von Mutti oder Oma, die wiederum im Auftrag von unsereins handelt, auf die Suche nach dem perfekten Geschenkeschnäppchen.

Aber ZU billig darf es ja auch nicht sein, schließlich wird der Wert des Geschenkes ja am Kaufpreis gemessen.

Es macht doch einen riesen Spaß, sich seine Geschenke selbst zu kaufen, oder?
Wenn man sie noch selbst einpackt, findet man sie auch schneller in den Geschenkebergen unter dem allüberschattenden Weihnachtsbaum.
Was ist aus den Zeiten geworden, in denen die gesamten Präsente für zwei Kinder und Anhang (also die für Geschenke vom Weihnachtsmann eigentlich zu alten und ungezogenen Eltern und Großeltern) in den Jutesack vom Mann im roten Mantel gepasst haben?
Allein die Tatsache, dass alle über das Jahr angehäuften ‚Sünden' durch eine Notlüge („Ja, ich war immer artig“) und wahlweise ein Gedicht oder ein Lied aus der Weihnachts-Strafakte gelöscht wurden und man so dem brutalsten Horrorfilm-Schockinstrument seit Texas Chainsaw Massacre, der RUTE, entgehen konnte, war Geschenk genug.
Und dann wurde der Sack geöffnet und versprühte fein dosierte Weihnachtsfreude. Stück für Stück gab es für jeden eine handvoll Geschenke.
Doch Jahr für Jahr wurde es anders… wurde es… mehr.
“Mehr Auswahl“ – „Entdecke die Möglichkeiten“ der Geschenkewelt.
Die Veränderungen waren nicht zu leugnen.
Erst bemerkte ich, dass der Weihnachtsmann auf seine Rute verzichtete, weil er beide Hände zum Tragen der Geschenke brauchte.
Für mich damals ein gutes Zeichen: Keine Rute – alle waren artig.
Irgendwann beschloss Santa dann offenbar, die Zustellung der Geschenke auszulagern. Jedenfalls lagen sie schon unter dem Baum, bevor der Weihnachtsmann kam.
Gleichzeitig schönste Vorfreude, aber auch zermürbendes Warten auf den Weihnachtsmann.
Und diesmal hatte er ja wieder beide Hände frei für die Rute…
Aber natürlich ging es gut (hat jemand von euch schon mal keine Geschenke bekommen, weil er unartig war? Bitte unten in die Shoutbox schreiben).
Und ich fand jedes Geschenk toll! Da gab es noch keine Gedanken wie „Kann ich nicht gebrauchen“ oder „für so was haben die Geld ausgegeben?“ sondern nur leuchtende Kinderaugen.
Doch wie bei allen Leuchten sind irgendwann auch bei Kindern die Batterien leer.
Deutlich wird es spätestens, wenn ein Kind mit dem grade geöffneten Geschenk spielen will, aber aufgrund der noch verpackten ca. 2731 Geschenke von der Familie gezwungen wird, weiter auszupacken.

Der ewig gleiche Ablauf: Geschenk nehmen, Auspacken, Freuen, nächstes Geschenk nehmen, Auspacken, Freuen….
Und bei jedem Geschenk will die versammelte Familie einen hoch motivierten Aufschrei der Freude hören und fühlt sich schwer gekränkt, wenn durch die Aufreiß-Monotonie grade beim sorgfältigst ausgewählten Geschenk das Kontingent an Freude aufgebraucht ist.

 

Was hast du eigentlich alles zu Weihnachten bekommen?
Mir fällt es schon schwer, mich nach dem Auspacken des letzten Geschenkes an alles zu erinnern, und ich leide nicht an Alzheimer oder Demenz.
Und was ist der Sinn?
Geben ist seliger als Nehmen, so soll es in der Bibel stehen (ich habs noch nicht geschafft, sie zu lesen, steht aber fast ganz oben auf meiner Liste, versprochen).
Schön und gut.

Aber kann man daraus ableiten, dass man mehr schenken soll, als man geschenkt bekommt? Und da man die Geschenkemenge nicht abschätzen kann (es sei denn, man ist einer der ‚Glücklichen', die sich entweder alle Geschenke selber kaufen dürfen oder komplett auf das Schenken verzichten), schenkt man einfach so viel wie möglich.

Alle sind im Weihnachtsstress.
Advent – das bedeutet ankommen. Und es scheint wirklich so, als ob der Abend des 24.12. jeden Jahres für viele eine wahre Erleichterung ist.
Alle Geschenke gekauft. Und wenn nicht, kann man es auch nicht mehr ändern (oder ist das Ladenschlussgesetzt so weit verändert worden, dass Geschäfte auch am Heiligen Abend öffnen?).
Naja, vielleicht erleben die Schenk'o'holics die Weihnachtsfeiertage ja durch diesen Kontrast intensiver.

Ich kann die Frage nicht mehr hören:
“Was schenkst du eigentlich deinen Eltern/deiner Schwester/deiner Freundin/x/y/z?“

Jedes mal bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil ich eben nicht durch alle Geschäfte gestürmt bin um DAS ULTIMATIVE GESCHENK zu kaufen, beziehungsweise das, was es der Werbung nach sein MUSS.

Aber wieso geht es mir so? Bin ich alleine damit? Bilde ich mir nur ein, dass das ganze Schenken übertrieben wird?

Es heißt immer so schön: Die Geste zählt; das Geschenk soll von Herzen kommen.
Also doch Klasse statt Masse.

Aber nicht aus finanzieller Sicht.
Ein mit Bedacht gewähltes, wirklich passendes, aber doch überraschendes Präsent prägt sich tiefer ein als bergeweise ‚nützliche Dinge' ohne persönliche, zwischenmenschliche Aussagekraft.
Am besten ein persönlicher Brief dazu, voll mit Dingen von denen man denkt, der bzw. die Beschenkte wisse es.
“Danke, dass du die ganze Zeit über für mich da warst. Ich hab dich lieb.“
Keine noch so teuren Geschenke können ein ähnliches Gefühl beim Empfänger auslösen wie diese Worte.
Es scheint mir, als ginge der wahre Geist von Weihnachten Jahr für Jahr mehr verloren.
Die Vorfreude.

Die Nächstenliebe.

Die wirklich wichtigen Geschenke – Menschen, die einen lieben und die man liebt.
Es hört sich an wie aus einem kitschigen Hollywoodfilm, aber es ist mir ernst!
Wenn ihr genauso denkt wie ich, helft mit und rettet den Geist der Weihnacht.

Nutzt die besinnlichen Tage, um mit euren Familien und Freunden eine schöne Zeit zu verbringen und genießt es.

Frohes Fest und Guten Rutsch!

 

Carlo
(ICQ: 116654742)

 

PS: Zu viel Süßes ist ungesund. Zu viel Saures aber auch. Am besten nach dem Essen zuckerfreien Kaugummi kauen. Zwischen Essen und Zähneputzen mindestens 30 Minuten warten, da der Zahnschmelz in der Zeit angelöst ist und ihr ihn einfach wegputzen könntet.
PPS: Nein, ich bin kein Zahnarzt. Auch kein Christ. Eher Agnostiker. Aber die Werte, für die das Weihnachtsfest für mich steht bzw. früher mal stand, sind es wert, erhalten zu werden. Früher war die Adventszeit die schönste im ganzen Jahr. Heute ist sie nur noch Kommerz-Werbetrommel-Zeit… Schade drum.

 

Text und Layout © 2006 www.CarloRattey.com Bilder: Photocase.com - earthlinge, chaotenelli, lampentisch